Montag, 24. August 2020

Ein Übersetzer: ein wandelndes Wörterbuch?

 

„Ein Übersetzer ist ein wandelndes Wörterbuch.“

„Übersetzer büffeln Vokabeln.“

„Musst du nach so vielen Jahren in deinem Beruf als Übersetzerin noch Wörter nachschlagen?“
 

Mit solchen und ähnlichen Vorstellungen vom Übersetzerberuf werde ich zwar nicht oft, aber doch hin und wieder konfrontiert, und sie verblüffen mich immer wieder. Ja, zum Übersetzen müssen natürlich Wörter aus Wörterbüchern herausgesucht werden. Aber eigentlich geht es beim Übersetzen ja gerade nicht hauptsächlich um einzelne Wörter.

Eigentlich geht es beim Übersetzen um noch etwas ganz Anderes, das in der landläufigen Vorstellung vom Übersetzerberuf oft übersehen wird: das gekonnte Formulieren in einer anderen Sprache, den geschickten Umgang mit dieser Sprache im jeweiligen Kontext. Durch diese Fähigkeit zum geschickten Umgang mit Sprache zeichnen sich Übersetzer und Übersetzerinnen aus, und deswegen werden Übersetzungen in Auftrag gegeben.


Ein guter Übersetzer schlägt viel in Wörterbüchern nach

Hierzu nötig sind die Ausrichtung an bestimmten Textkonventionen, die Kenntnis des betreffenden Themengebiets und die Auswahl von einschlägigem Fachvokabular. Fachvokabular, das niemand im Kopf hat, sondern das passend zum Kontext in jedem einzelnen Fall nachgeschlagen werden muss. Die Begriffe und Formulierungen, deren sich Sprachprofis beim Übersetzen bedienen, sind bisweilen sogar so speziell, dass sie jenseits der üblichen Sprachkompetenzen eines Muttersprachlers oder einer Muttersprachlerin liegen.

 



Übersetzungsprofis verstehen Fachgebiete

Sprachprofis, die Übersetzungen als Dienstleistung anbieten, haben sich daher meist auf mindestens ein Themengebiet wie Technik oder Recht spezialisiert. Dieses müssen sie größtenteils verstehen, um adäquat übersetzen zu können. Zusätzlich zu diesen Grundkenntnissen ist bei fast allen Übersetzungen immer noch weitere Recherche-Arbeit nötig! Als Patentübersetzerin kaufe ich mir zum Beispiel gern ab und zu die Zeitschrift iX Developer, um sie zu lesen und mir dabei aktuelles deutsches Fachvokabular und gängige Formulierungen im Deutschen auf den betreffenden technischen Gebieten anzueignen.


Übersetzen heißt geschickt mit der Muttersprache umgehen können

Darüber hinaus ist es zwar durchaus wichtig, dass Übersetzer und Übersetzerinnen über gute Vokabel- und Grammatikkenntnisse in Fremdsprachen verfügen – noch viel wichtiger ist aber Folgendes: Übersetzer und Übersetzerinnen müssen ihre Kenntnisse in der Muttersprache laufend erweitern. Weil sie in ihre Muttersprache übersetzen. Denn Sprache verändert sich ständig.

 

Vokabelbüffeln spielt also im Übersetzeralltag keine Rolle. Vielmehr müssen Übersetzer und Übersetzerinnen in speziellen Fachgebieten wie Technik oder Recht heimisch sein. Und adäquat und geschickt in ihrer Muttersprache formulieren können.

 

Deswegen werden Übersetzungen in Auftrag gegeben. Und sie werden auch im Zeitalter des zunehmenden Einsatzes der maschinellen Übersetzung weiter in Auftrag gegeben werden. Denn Übersetzungsmaschinen, die vermeintlich zum guten Übersetzen fähig sind, greifen oft daneben. (Aber hierzu ein anderes Mal mehr in einem weiteren Blogpost.)